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„Ich komme gerne wieder“: Kurt Masur

Foto: Frank Vinken

„Drei beglückende Musikabende, die mit stehenden Ovationen gefeiert wurden“. „Weltklasse, absolut höchstes Niveau für eine Kulturhauptstadt ‚in spe’“. „Ein musikalischer Triumph, wie ihn Essen bislang wohl noch nicht erlebte“. Selten jubelten Essens Musikkritiker so einstimmig wie nach den drei Konzerten, die Kurt Masur mit dem London Philharmonic Orchestra Anfang Februar 2006 in der Essener Philharmonie gab. Drei Programme an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Und offenbar war die Zuneigung gegenseitig. Masur betonte, wie konzentriert das Publikum gewesen sei und wie gern er in Essen dirigiert: „Die Philharmonie ist wirklich imponierend. Eine wundervolle Akustik. Die Stadt Essen und ihre Bürger können sich glücklich schätzen, über solch ein Konzerthaus zu verfügen. Ich komme gerne wieder, so oft sie wollen.“

Dass Masur zu den größten Dirigenten der Gegenwart gehört, wird bei seinen 1,92 Metern niemand bestreiten. Dass er auch zu den bedeutendsten zählt, dokumentieren Hunderte von Aufnahmen und unzählige Auszeichnungen – darunter auch einige für sein politisches Engagement. Seit dem 9. Oktober 1989 scheint es unmöglich, Kurt Masur „nur“ als Musiker zu betrachten. Als er an jenem Tag im Neuen Gewandhaus in Leipzig zur Besonnenheit und zum friedlichen Dialog aufrief, machte er Politik. Seine Rede wurde über Funk von Hunderttausenden gehört, und sie trug wesentlich dazu bei, dass der Prozess der Wiedervereinigung ohne Blutvergießen vonstatten ging. Für seine Zivilcourage wurde er in Münster mit dem Westfälischen Friedenspreis ausgezeichnet.

Dass sich Masur als „Politiker wider Willen“ bezeichnete („Ich sah keine andere Möglichkeit zu helfen, als mich in die politische Diskussion einzuschalten“), wird mancher bedauert haben – war doch mit ihm, dieser „Lichtgestalt der Deutschen Einheit“, nach langer Zeit endlich der Beweis erbracht, dass es auch anders geht: Dass Künstler, statt zwangsläufig Befehlsempfänger von Politikern und im schlimmsten Fall Opfer totalitärer Systeme zu werden, wesentlich zur Verbesserung politischer Verhältnisse beitragen können. Und dass klassische Musik durchaus jenen „Sitz im Leben“ haben kann, den man gerade in Zeiten der Ohnmacht und Unterdrückung so schmerzlich vermisst.

Masurs Haltung während der Leipziger Montagsdemonstrationen zog immerhin so weite Kreise, dass er 1993 als möglicher Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt wurde. Und man kommt nicht umhin, sich vorzustellen, was geschehen wäre, wenn er überall dort hätte eingreifen können, wo ebenso ahnungs- wie gewissenlose Politiker mit Etat-Kürzungen und Schließungen einen wichtigen Teil des deutschen Kulturlebens systematisch zerstörten.

Dass er es vorzog, Musiker zu bleiben und als solcher politisch zu wirken, wird ihm niemand verübeln. Ein Vollblutmusiker wie Masur kann nicht anders, als sich seinem Beruf mit Leib und Seele zu verschreiben. Masur ist 80 und dirigiert seit 59 Jahren. 26 Jahre war er Chef des Leipziger Gewandhausorchesters, elf Jahre Musikdirektor des New York Philharmonic. In beiden Positionen ist es ihm nachhaltig gelungen, die große Tradition berühmter Vorgänger fortzusetzen, ohne sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen. Nicht seine Eigen-Art hat er kultiviert, sondern die Eigen-Art des Orchesterklanges. Wenn er in Leipzig dirigierte, hörte man den weltweit gerühmten „Gewandhausklang“, wenn er am Pult des New York Philharmonic stand, klang es eben nicht wie eines der „Big Five“, sondern so unverwechselbar wie der Ton eines großen Instrumentalisten. Und wenn er nach seinem triumphalen Tryptichon mit den London Philharmonic Anfang Februar mit seinem Pariser Orchester zurückkehrt, wird er zum Klingen bringen, was er als besondere Qualitäten des Orchestre National de France beschrieb: „Unbändige Spiellust und Poesie.“

Thomas Voigt

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