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Kämpfer und Magier: Abdullah Ibrahim

Foto: Sven Lorenz

Als „Entertainer“ hat er sich nie gesehen. Musik war und ist für ihn weit mehr als Unterhaltung. Nämlich eine Lebensnotwendigkeit: Tägliches Seelenbrot, Heilmittel. Aber ganz und gar nicht Opium fürs Volk. Sondern ein Mittel gegen Unterdrückung und Gewalt. Und ebenso auch Ausdruck von Versöhnung.

Mit Gewalt wurde Abdullah Ibrahim, Jg. 1934, schon früh konfrontiert: Er ist in Kensington aufgewachsen, einem der schlimmsten Schwarzen-Ghettos in Kapstadt. Sein Vater wurde ermordet, ebenso einige seiner Freunde. Gewalt gehörte zu seinem Alltag, war immanenter Bestandteil des Apartheid-Systems. Einziger Ruhepunkt war für ihn die „American Methodist Episcopal Church“. Hier spielten seine Mutter und Großmutter Klavier, hier begann seine musikalische Sozialisation. Denn die afro-amerikanischen Missionare brachten nicht nur Spirituals und Gospels ins Ghetto, sondern auch Jazzmusik – für ihn eine faszinierende Gegenwelt zur harten Realität im Ghetto. „Musik hat mein Leben gerettet“, sagt Ibrahim im Rückblick auf seine Kindheit und Jugend.

Abdullah Ibrahim (der sich vor seiner Konvertierung zum Islam „Dollar Brand“ nannte) gehört zu den stärksten Persönlichkeiten der Musikwelt – auch deshalb, weil seine Präsenz im Konzertsaal und auf Platten immer die Frage aufwirft, die in der internationalen Musikszene sehr an Bedeutung verloren hat und die für manchen Musikliebhaber auch unbequem sein dürfte: Was denn Musik mit unserem Leben zu tun hat.

Für Ibrahim ist diese Frage immer von zentraler Bedeutung gewesen. Zum Beispiel, als er Ende der 1950er Jahre die ersten Bebop-Platten von Charlie Parker and Thelonious Monk hörte. Da stand er zum ersten Mal vor der Entscheidung: Entertainer oder Musiker? Weiter auf dem bewährten Pfad der Tanzmusik – oder ins Risiko gehen mit einer Musik, die eine besondere „message“ hat, beim breiten Publikum aber nicht ankommt? Der damals 25jährige entschied sich fürs Risiko. Was er bei Parker und Monk hörte, klang ihm aufregend neu und zugleich sehr vertraut. Ihn reizte die Verbindung zwischen den neuen Formen des amerikanischen Jazz und den Wurzeln afrikanischer Musik. Er gründete eine Band, die „Jazz Epistels“ – und löste damit eine kleine Revolution aus. Binnen kurzer Zeit wurde aus dem Insider-Tipp die führende Jazzband Südafrikas. Man empfand diese Musik als „Sound of Freedom“, als Antwort auf den immer stärker werdenden Druck der Apartheid-Politik.

Oder 1974. Ibrahim war nach zwölf Jahren im Exil und internationalen Erfolgen nach Kapstadt zurückgekehrt. Die Free Jazz Szene, so aufregend er sie auch empfand, war ihm zu abstrakt, zu esoterisch geworden. Sein Freund und Förderer Duke Ellington hatte ihm geraten, seinen eigenen Weg fortzusetzen, die musikalische Verbindung zwischen Amerika und Afrika: „Als Afrikaner bist Du besonders begünstigt, weil Du aus der Quelle schöpfen kannst.“ Dazu musste Ibrahim zurück zur Quelle. Back to the roots. Und weiter im Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Sein Song Mannenberg - Is Where It's Happening (1974) wurde zur inoffiziellen Hymne der Befreiungsbewegung. 1976 emigrierte er erneut und kehrte erst 1990, nach dem Ende der Apartheid-Regimes, nach Kapstadt zurück.

„Abdullah Ibrahim ist ein Zauberer der Wiederholung, und hinter jedem Ton steht eine ganze Landschaft. (...) The Mountain nannte er eine seiner Komposition, dem Thaba Bosiu in Lesotho gewidmet. (...) Hunderte Male hat er dieses Stück gespielt, wie er alle seine Stücke so oft wiederholt hat, dass sie wie magische Zitate eines Lebens wirken. Es sind nicht nur Kompositionen, es sind Beschwörungen eines Landes, Rituale der Heilung, des Zaubers, zelebriert, um mit Musik die Wirklichkeit zu verändern“.  (Konrad Heitkamp, DIE ZEIT, 10/2004). Das beschreibt genau, was in Ciro Cappelaris Dokumentarfilm „Abdullah Ibrahim – A Struggle for Love“ immer zu spüren war: Dass Spiritualität und Erdverbundenheit, Kampf und Versöhnung bei Ibrahim keine Gegensätze sind, sondern einander bedingen.

Vor diesem Hintergrund hat es auch keinen Sinn, seine Musik in die Schubladen abzulegen: Wieviel davon ist Jazz, ist Klassik, ist „World Music“? Mit dem Begriff „World Music“ kann Ibrahim ohnehin nicht viel anfangen. „Vielleicht meint man damit Volksmusik. Aber was ist daran besonderes? Louis Armstrong hat mal gesagt: ‚Jede Musik ist Volksmusik. Ich hab noch nie ein Pferd singen hören.’ – Also, ich habe nur ein einziges Kriterium: Ob die Musik Dich bewegt und berührt.“

Thomas Voigt

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