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Zurück in die Zukunft: Christophe Rousset
Zur Musik kam er über seine Liebe zur Architektur: Christophe Rousset ist in Aix-en-Provence aufgewachsen und war schon als Kind derart fasziniert von den herrlichen Barock-Bauten dieser Stadt, dass es für ihn nur einen Berufswunsch gab: Architekt. Mit zunehmendem Alter wurde ihm allerdings klar, dass er in dieser Eigenschaft kaum seiner Liebe zum Barock frönen konnte. Da er aber nun einmal eine besondere Affinität zur Epoche des Grand Siècle hatte, gab es nur eine Lösung: Das Cembalo. „Ein musikalischer Weg, in die Vergangenheit zu tauchen“, berichtete er in einem Interview für „Klassik Heute“; „Denn das Repertoire für dieses Instrument ist nun einmal auf das 17. und 18. Jahrhundert beschränkt, berührt also genau jene Zeit, die mich so stark anzieht. Und als Cembalist kann ich obendrein reichlich musikalische Archäologie betreiben: Werke wiederentdecken und ausgraben.“ Als er sich für das Cembalo entschied, war er 13. Seine Ausbildung absolvierte er an der Schola Cantorum in Paris sowie bei Bob van Asperen am Königlichen Konservatorium in Den Haag. Mit 22 gewann er beim Cembalo-Wettbewerb in Brügge den ersten Preis und wurde damit schlagartig bekannt, war er doch erst der zweite Künstler in der Geschichte des Wettbewerbs, dem diese Auszeichnung zuteil wurde. In der Alte-Musik-Szene, die vor zwanzig Jahren noch überschaubarer war als heute, verbreitete sich die Nachricht von dem hochbegabten Cembalisten in Windeseile. Rousset konzertierte mit renommierten Ensembles wie Reinhard Goebels Musica Antiqua Köln, der Academy of Ancient Music von Christopher Hogwood und William Christies „Les Arts Florissants“, deren ständiger Repetitor er wenig später wurde. Außerdem wirkte er als Cembalist und Begleiter am Pariser Konservatorium. In diesen Jahren hatte Rousset keineswegs Ambitionen, Dirigenten zu werden. Dahin wurde er eher sanft gedrängt, und zwar von William Christie. In einer besonders heftigen Arbeitsphase, in der er ständig an Zeitnot litt, suchte Christie dringend jemanden, der für ihn die ersten Proben leiten konnte. Rousset ließ sich schließlich breitschlagen, übernahm zunächst ein paar Chorproben und arbeitete dann auch mit dem Orchester. Das Ganze lief so gut, dass Christie ihn überredete, auch ein paar Konzerte zu dirigieren. Und nachdem auch das gut gegangen war, fand er langsam Gefallen an dieser Profession – so sehr, dass er schließlich ein eigenes Musiker-Ensemble gründete. Das war, im Jahr 1991, die Geburtsstunde von „Les Talens Lyriques“, benannt nach dem Untertitel von Rameaus Oper „Les Fetes d’Hébe“ (Übersetzung?). Seither ist Rousset als Dirigent genauso begehrt wie als Cembalist. Seine Konzerte und Platten (etliche davon mit ersten Preisen ausgezeichnet) gehören seit Jahren zu den Highlights der Barock-Szene. Mit dem Soundtrack zum „Farinelli“-Film (1994) und der prominent besetzten Einspielung von Mozarts „Mitridate“ (1998) wurde er einem breiteren Opern-Publikum bekannt; auch Hörer, die sich eher für vokale Virtuosität als für historisch informierte Aufführungspraxis interessieren, waren fasziniert von der lebendigen Klangrede des Orchesters. Vielleicht ist Rousset international auch deshalb so erfolgreich, weil er nie zu den Ideologen der Aufführungspraxis gehörte. Natürlich beruhen seine Interpretationen auf intensiven Forschungen und Erkenntnissen, aber er verabsolutiert sie nicht. Und wenn andere noch dem fraglichen „Ideal“ eines völlig vibratoarmen Klanges huldigen, so hat Rousset in einem Interview für „FonoForum“ zu diesem Thema eine ziemlich entspannte Haltung gezeigt: „Ich glaube, dass wir mittlerweile über einen gewissen übertriebenen Militantismus hinaus sind, der dazu führte, dass eine Geige, ein Cembalo oder eine Stimme so trocken wie nur möglich zu klingen hatten, um klarzustellen, dass Alte Musik etwas ganz anderes sei als die Musik, die man gewöhnlich spielte. Wir haben diese Pubertätskrise überwunden und sind in ein überlegteres Erwachsenenstadium eingetreten. Wir können uns nicht vorstellen, dass ein Mozart oder selbst ein Monteverdi für vibratolose Stimmen geschrieben hat. (...) Musik ist Schwingung, und Schwingung ist etwas Natürliches.“ Als „Artist in Residence“ wird Rousset in dieser Spielzeit in sechs Konzerten zu erleben sein: Dreimal als Cembalist beim „Französischen Tastenwochende“ (14.-16. März 2008) und dreimal mit den Talens Lyrique und namhaften Solisten wie Veronique Gens, u.a. mit Höhepunkten aus Rameaus faszinierender Oper „Castor et Pollux“. Thomas Voigt |
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