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„Mephisto ist mir lieber“: Pascal Dusapin![]() Er hat Kunst und Ästhetik an der Sorbonne in Paris studiert, Musik bei Olivier Messiaen und Iannis Xenakis. Den Griechen bezeichnet er als seinen musikalischen Vater, Edgar Varèse als seinen Großvater. Doch selbst mit diesen Hinweisen auf Wahlverwandtschaften wäre es ein sinnlos, Pascal Dusapin irgendeiner Tradition zuordnen zu wollen, geschweige denn einer „Schule“ oder „Gruppe“. Dazu ist er viel zu sehr Individualist, Unikat, Einzelgänger. Mag sein, dass er sich in seiner Unabhängigkeit von Zeitgeist, Beziehungen und „Politics“ in frühen Jahren die eine oder andere Karriere-Chance verbaut hat. Doch wie seine Laufbahn zeigt, hatte er genügend Rückgrat und Eigen-Art, sich auch ohne die Protektion einer „Gruppe“ durchzusetzen. Dusapin, Jahrgang 1955, zählt längst zu den bedeutendsten und meistgespielten Komponisten Frankreichs. Und nach Pierre Boulez hat es kaum einen Musiker gegeben, der für den Kulturaustausch zwischen Frankreich und Deutschland so viel getan hat wie er. Seine Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle ist nur eine von vielen Variationen zum Thema. Kürzlich wurde er von der Bayerischen Akademie der Künste zum „Korrespondierenden Mitglied“ berufen. „Faustus, the last night“, Dusapins fünfte Oper, die am 18. April 2008 in der Philharmonie Essen mit der Original-Besetzung konzertant aufgeführt wird, war ein gemeinsames Auftragswerk der Berliner Staatsoper und der Opéra de Lyon. Aber sie ist durchaus nicht als Dusapins „Antwort“ auf Berlioz und Gounod zu sehen. Wie der Titel schon zeigt, hat sich Dusapin weniger an Goethe orientiert als dem Werk des Shakespeare-Zeitgenossen Christopher Marlowe: „The Tragical History of Doctor Faustus“ (1592). Und das ist nur eine von zahllosen Inspirationsquellen; wer Dusapins Faust-Oper auf Anleihen und Zitate abklopft, wird eine eindrucksvolle Kollektion zusammen tragen: Dante und William Blake, Shakespeare und Hölderlin, Caligula und Flaubert, Herman Nelville und Ingmar Bergman, Al Capone und Samuel Beckett, dazu noch einige Passagen aus der Bibel. In elf Stationen schildert Dusapin die letzte Nacht des Doktor Faustus, in der es um die ewig zentralen Fragen der Menschheit geht. Faust und Mephisto bilden hier kein Gegensatz-Paar, sondern eine Symbiose, die stark an Mozarts Gespann Giovanni/Leporello erinnert. Wobei Dusapin seinen Mephisto durchweg „sympathischer“ angelegt hat als die Titelfigur. „Wie viele andere bin ich von dieser Figur fasziniert, ohne sie jedoch zu mögen.“; schrieb Dusapin in einem Beitrag zur Berliner Uraufführung. „Im Licht unserer gegenwärtigen Zukunft verkörpert er heute, was den Intellekt zutiefst beleidigt: Arroganz, Anmaßung, Überheblichkeit, maßlosen, von Angst getriebenen Ehrgeiz, Gier und Macht. Für mich lag es daher nahe, einen Faust (den ich am liebsten – ohne jeden Bezug auf Goethe – bei seinem mittelalterlichen Namen „Faustus“ nenne), als fanatischen und paranoiden Größenwahnsinnigen zu zeigen, völlig besessen von der Idee letztgültiger Erkenntnis, der des ‚Lichtes’, als einem Symbol der Beherrschung, der Vereinnahmung und der totalen Unterdrückung. In dieser Oper ist nichts benannt, aber jeder weiß, worum es geht. Im Hintergrund vermischen sich die Verwüstung und der Tod mit dem Unantastbaren und dem halluzinierten Vorhaben dieses allzu menschlichen, kranken Mannes, einer Metapher für den Höhepunkt alles menschlichen Bösen. Alles in allem ist mir Mephistopheles lieber. Er amüsiert mich.“ Nicht nur mit seinem „Faustus“ wird Pascal Dusapin als „Artist in Residence“ in Essen präsent sein: Das Scharoun-Ensemble, das Athena Quartet und das Quatuor Danel werden zentrale kammermusikalische Werke von Dusapin zu Gehör bringen. Einen Streifzug durch das sinfonische Schaffen des Komponisten bieten Konzerte mit zwei französischen Orchestern und vier Klangkörpern aus NRW. In der „Französischen Chornacht“ mit Essener Chören ist Dusapin selbstverständlich auch vertreten, ebenso am „Französischen Tastenwochenende“, wo seine Kompositionen mit denen von Debussy, Ravel, Satie, Messiaen und Boulez in Beziehung gesetzt werden. Alles in allem sind es 14 Veranstaltungen – eine so umfang- und abwechselungsreiche Serie ist selbst für einen „Artist in Residence“ sehr ungewöhnlich. Thomas Voigt |
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