"Tell it like it is"
Ein Interview im Vorfeld der großen Quasthoff-Gala am 18.12.
Über Thomas Quasthoff muss man keine großen Worte verlieren: Der dreimalige Grammy-Preisträger gehört zu den derzeit besten Bariton-Sängern. Im vergangenen Jahr konnte der gebürtige Hildesheimer seinen 50. Geburtstag feiern. In einer exklusiven Gala ist Quasthoff am 18. Dezember 2010 in der Philharmonie zu Gast. Gemeinsam mit Freunden und Weggefährten lässt er sein Leben Revue passieren. Mit dabei sind unter anderem Anne Sofie von Otter, Max Raabe, das Mahler Chamber Orchestra und die WDR Big Band Köln. Das Konzert ist bereits ausverkauft!
Hohes Maß an Begabung
Herr Quasthoff, was bedeuten Ihnen Musik und Gesang?
Thomas Quasthoff: Ohne Musik zu leben, das könnte ich mir definitiv nicht vorstellen. Natürlich spielt der Gesang eine wichtige Rolle, allerdings werde ich sicher irgendwann ohne Gesang auskommen. Sie können sicher sein: Ein Johannes Heesters der klassischen Musik werde ich nie! Aber so lange ich meinem eigenen Qualitätsanspruch gerecht werden kann, mache ich das noch.
Es ist ja kein Geheimnis, dass Sie etliche Hindernisse überwinden mussten, um dorthin zu kommen, wo Sie heute sind.
Quasthoff: Ach, wissen Sie, ich tue mich damit auch immer ein bisschen schwer. Ich habe nicht an einer Hochschule studiert. Das war im Nachhinein aber eher ein Vorteil als ein Nachteil. Als Hochschulprofessor weiß ich allzu genau, wie viel die Leute an den Hochschulen lernen müssen, das sie nachher für den Beruf überhaupt nicht gebrauchen können. Ich habe das große Glück gehabt, ein hohes Maß an Begabung mitbekommen zu haben. Aber natürlich müssen Sie sich mit einer Behinderung in einem Beruf, der sehr viel mit Ästhetik zu tun hat, immer erst ein bisschen durchsetzen. Von Kampf oder Mühsal zu sprechen, wäre aber übertrieben.
Ihre Begabung hat Ihnen also am meisten weitergeholfen?
Quasthoff: Ich denke ja. Schauen Sie, ich sehe es ja jedes Jahr mehrfach an unseren Hochschulen. Es werden permanent Einsen vergeben. Ich sage dann immer: Welchen Wert hat diese Zensur, wenn man draußen keinen Job bekommt? Ich habe zum Beispiel nie an einer Hochschule studiert, bin erstens Hochschulprofessor geworden und habe zweitens eine internationale Karriere gemacht. Was zählt dann also? Das Studium, die Zensur oder das Können? Gott sei Dank ist es letzteres.
Was waren die wichtigsten Erfahrungen in Ihrem Leben?
Quasthoff: Zu heiraten – und in der Hinsicht auch zu scheitern. Der ARD-Wettbewerb war sicherlich ein ganz wichtiger Meilenstein; die Begegnung mit Simon Rattle; überhaupt mit großartigen Dirigenten und Orchestern zu arbeiten wie Mariss Jansons, Zubin Mehta, Christian Thielemann, Helmuth Rilling, Daniel Barenboim. Das sind schon alles Erfahrungen, die sehr prägend waren in meinem Leben.
Wie würden Sie selbst Ihre Stimme charakterisieren?
Quasthoff: Ein sehr eigenes, wiedererkennbares Timbre. Ich glaube auch, dass es ein Charakteristikum meines Singens ist, dass es mir sehr um Farben geht, nicht nur um die Präsentation einer schönen Stimme. Das kommt in unserem Musikgeschäft manchmal etwas zu kurz. Es sind ja doch die sehr individuellen Stimmen, die letztlich das Quäntchen mehr an Erfolg ausmachen. Das Aussehen ist es dann ja jedenfalls nicht (lacht)… Aber Scherz beiseite: Ich glaube wirklich, es ist grundsätzlich die Individualität einer Stimme, die zählt. Dazu kommen ein relativ großer Tonumfang, das würde ich bei mir heute immer noch gelten lassen, und eine sehr gute Textverständlichkeit.
Lieder sind tollste Form des Musizierens
Textverständlichkeit und Färbung sind besonders wichtig für den Liedgesang…
Quasthoff: … Ich würde Ihnen in kleiner Weise widersprechen: Ich finde, das muss grundsätzlich für den klassischen Gesang gelten. Wenn ich heute eine Oper sehe, die auf Deutsch gespielt wird – leider immer nur Wagner oder der "Freischütz", das finde ich auch schade –, dann versteht man die Leute nicht mehr. Ich mag einfach, wenn ich verstanden werde, auch wenn ich spreche. Und ich werde auch gerne verstanden, wenn ich singe. Ich halte das für eine Selbstverständlichkeit.
Sie betonen immer wieder, dass Ihnen der Liedgesang besonders am Herzen liegt…
Quasthoff: … Ich tue ja auch eine Menge dafür.
Dann halten Sie doch bitte mal ein Plädoyer für das Kunstlied!
Quasthoff: Es ist die tollste Form des Musizierens. Man hat kein Bühnenbild, kein Orchester, keinen Regisseur. Man ist alleine verantwortlich für die Zusammenstellung des Programms, für die Dramaturgie innerhalb eines Liederabends. Man ist direkt am Publikum dran, ich stehe wirklich vorne an der Rampe der Bühne. Es ist die purste und innigste Form des Gesangs. Es sind die kürzesten Kurzopern, die man sich vorstellen kann. In der Oper haben Sie Rollen, da brauchen Sie an die vier Stunden, bis Sie sterben. Im "Erlkönig" muss man ein Drama erzeugen mit vier verschiedenen Stimmen innerhalb von drei Minuten. Und man hat mit großartigen Komponisten und zum Teil auch großartiger Lyrik zu tun.
Viele halten den Kunstgesang für zu schwierig.
Quasthoff: Es wird immer so getan, als sei ein Lied musikalisch hoch kompliziert. Es ist nicht hoch kompliziert! Es ist traurig, aber nicht hoch kompliziert. "Die schöne Müllerin" etwa ist sehr volksliedhaft. Ich glaube, das ist ein Grund, warum man Menschen mit dieser Musik – übrigens auch mit der "Winterreise" – wirklich im Mark erschüttern kann. Eben weil die Musik so ins Herz geht. Und ich bin nicht der Meinung, dass diese Musik nicht mehr zeitgemäß ist. Das hat einfach mit Hörgewohnheiten zu tun. Die Schulen müssen es nur wieder richtig vermitteln und zeigen, wie schön Musik sein kann.
Wir haben übrigens an unserem Haus in dieser Spielzeit eine neue Konzertreihe "Lied & Lyrik" – aber das nur ganz nebenbei.
Quasthoff: Ja, das ist toll!
In der großen Gala am 18. Dezember wird auch Justus Zeyen zu Gast sein, mit dem Sie gemeinsam viele Liederabende bestritten haben. Wie kam es zu dieser Partnerschaft?
Quasthoff: Wir lebten damals beide in Hannover. Ich habe Justus bei einem Konzert des Wagnerverbandes gehört. Und das hat mir sehr, sehr gut gefallen. 1994 hatten wir dann die erste gemeinsame Einladung. Das war so ein wunderschöner Liederabend, seitdem spielen wir zusammen und sind sehr, sehr eng befreundet. Wir sind wirklich miteinander gewachsen.
Preise sind immer ein Dankeschön
Das Konzert steht unter dem Titel "Quasthoff & Friends". Wir lernen also noch weitere Weggefährten von Ihnen kennen. Mit dabei ist auch Anne Sofie von Otter, mit der Sie Ihren ersten Grammy gewonnen haben. Eine fantastische Sängerin, oder?
Quasthoff: Eine bewundernswerte Kollegin! Vielseitig, intelligent, sehr, sehr, sehr, sehr nett. Völlig entspannt, überhaupt nicht zickig. Und eine schöne Frau obendrein auch noch! Habe ich irgendwas vergessen? (lacht)
Das war der erste Grammy, inzwischen sind es drei. Dazu kommen viele, viele weitere Preise. Verlieren Auszeichnungen mit der Zeit an Bedeutung?
Quasthoff: (lacht) Nein! Ich finde, das ist eine Art von Dankeschön für das, was man an Arbeit investiert. Die Leute sehen ja immer nur das fertige Produkt. Aber dass man jeden Tag vier, fünf Stunden arbeitet, eine Lehrfunktion hat als Professor in Berlin plus Reisestrapazen, plus Einbüßen des Privatlebens, sehen die wenigsten. Am meisten hat mich übrigens gefreut, dass wir mit der ersten Jazz-CD für einen Grammy nominiert waren. Darauf bin ich heute noch sehr stolz.
Nun sind Sie ja auch als großartiger Jazz-Interpret bekannt. Wo liegen die Wurzeln?
Quasthoff: Ich bin natürlich von meinem Bruder sehr beeinflusst, der zwei Jahre älter ist und mit dem Jazz daher viel eher angefangen hat. Ich habe eigentlich von frühester Kindheit an von Deep Purple bis zu den Stones alles gehört, was in Sachen Rockbands damals angesagt war. Und beim Jazz habe ich mit den ganz leichten Sachen wie Armstrong angefangen bis hin zu Alexander von Schlippenbach, Irene Schweizer und Sinatra – und dann eben auch den freieren Jazz. Ich habe wirklich alles gehört und wurde dadurch sehr beeinflusst.
Klassik und Jazz – werden beide Genres Sie auch in den nächsten Jahren begleiten?
Quasthoff: Ich werde das sicherlich so weiter machen, selbstverständlich mit dem Schwerpunkt auf Klassik.
Im Konzert auch Spaß vermitteln
Zu Ihren Ansprüchen gehört auch, Konzertabende möglichst unterhaltsam zu gestalten. Bei einer Gala wie der in der Philharmonie greifen Sie auch schon mal selbst zum Moderatoren-Mikrofon – in diesem Falle gemeinsam mit Götz Alsmann.
Quasthoff: Ich glaube, dass wir auch als klassische Musiker grundsätzlich über neuere Präsentationsformen nachdenken müssen und sollten. Die Zeiten sind vorbei, in denen man sich einfach mit Frack auf die Bühne stellt, keiner husten oder sich bewegen darf – und damit haben wir dann einen schönen, erfolgreichen Konzertabend hinter uns. Ich glaube, dass sich mit zunehmender medialer Beeinflussung die Ansprüche des Publikums geändert haben. Warum darf man einem Publikum nicht auch zeigen, dass das, was man da oben macht, auch Spaß bringt? Das heißt ja nicht, dass man anspruchslose Programme macht. Ich habe zum Beispiel in Salzburg ein Programm mit Mahler, Aribert Reimann und den "Vier ernsten Gesängen" von Brahms gemacht – also alles andere als leichte Kost. Und die Leute waren hin und weg.
Das wünschen wir uns natürlich auch für Ihren Besuch in der Philharmonie.
Quasthoff: Ich freue mich übrigens sehr auf Ihr Haus. Ich war noch nie da!
Insgesamt darf es also ruhig etwas lockerer zugehen im Konzert…
Quasthoff: Ich würde bei der "Winterreise" natürlich nicht irgendwelche Entertainment-Einlagen machen. Aber ich finde, manchmal etwas zu einem Stück zu sagen oder auf ein Publikum zu reagieren, ist nichts Schlimmes oder Verwerfliches. Ich gehöre zu den Künstlern, bei denen die Konzerte immer noch gut besucht sind. Das hat ja einen Grund. Ich mache das in dreieinhalb Jahren vierzig Jahre. Ich glaube nicht, dass die Leute mehrheitlich wegen meiner Behinderung in die Konzerte kommen. Also muss es irgendetwas geben, was das Publikum anzieht. Vielleicht ist es gerade der Moment, dass die Leute sagen, ein Quasthoff-Abend ist eben immer etwas Besonderes.
Vorbild Amerika
Reicht das aus, um die Zukunft des klassischen Konzerts zu sichern?
Quasthoff: Ich glaube, es gibt zwei Ebenen. Zunächst mal wird die Bevölkerung hier immer älter. Insofern ist mir nicht so wahnsinnig bange um das klassische Konzert. Ich meine aber, die Schulen müssen anfangen umzudenken und Musik wieder in den Vordergrund rücken – auch in dem Wissen, dass Musik einen soziologischen Aspekt betreut. Etwa dadurch, dass man im Chor singt. Ich möchte hier in diesem Land keine amerikanischen Verhältnisse, wo junge Leute kriminell werden anstatt sich mit Musik zu beschäftigen. Letzteres ist sicherlich die bessere Alternative. Andererseits glaube ich, dass wir uns in anderer Hinsicht an amerikanische Verhältnisse gewöhnen müssen. Wenn wir in diesem Land Kultur haben wollen, müssen wir auch bereit sein, dafür zu bezahlen.
Was gefällt Ihnen an der Situation in Amerika?
Quasthoff: Was ich in Amerika wirklich ganz toll finde: Alle großen Orchester sind privat finanziert. Die Identifikation des Publikums mit ihrem Orchester ist daher so unendlich viel größer als bei jedem Orchester in Deutschland. Da müssen wir einfach ein bisschen umdenken. Wir haben uns sehr in der Mentalität eingerichtet: Der Staat wird’s schon richten. Ich glaube, man kann den Menschen vermitteln, dass Kultur wichtig ist. Und dafür muss auch jeder bereit sein, etwas zu investieren – und zwar so, dass sich auch der so genannte kleine Mann einen Besuch im Konzert und im Theater leisten kann.
Interview: Christoph Dittmann


