12.2.2012

Klare Ansichten des Dirigenten Enoch zu Guttenberg


Enoch zu Guttenberg ist für seine deutlichen Meinungsäußerungen bekannt – nicht nur wenn es um Fragen der Interpretation geht. Der Baron aus Oberfranken ist seit Jahrzehnten als Umweltschützer aktiv und meldet sich immer wieder mahnend zu Wort. In der Philharmonie ist er am 12. Februar 2012 mit seinem Orchester der KlangVerwaltung zu Gast.

Sie haben mal gesagt: “Musik, die mich nicht bewegt, kann ich auch nicht dirigieren.” Was bewegt Sie an Mahler – in diesem Fall an den “Kindertotenliedern”?

Enoch zu Guttenberg: Ich glaube, für Menschen gibt es privat kein größeres Unglück, als ein Kind zu verlieren. Das ist es, was mich an den “Kindertotenliedern” bewegt – vor allem, wenn man selbst Vater ist. Friedrich Rückert drückt dieses wahnsinnige Unglück in seinen – wenn auch sprachlich gar nicht so großen – Gedichten aus. Ich kämpfe immer dafür, dass man Musik nicht nur deshalb ausführt, weil sie zufällig schön, sondern weil sie Inhaltsträger ist. Und bei mir persönlich spielt auch immer die Gewissheit eine Rolle, was mit dem Klimawandel und anderen ökologischen Katastrophen auf unsere Kinder zukommt. Es ist einfach wichtig zu wissen, dass man jetzt für das Leben der Kinder in der Verantwortung steht. Wer mit diesen Liedern konfrontiert wird, bekommt eine tiefere Ahnung davon.

Lassen sich auch mit Bruckner inhaltliche Bezüge herstellen?

Guttenberg: Ich glaube, dass es so etwas wie absolute Musik gar nicht gibt. Die wirklich große Musik ist auch aus meiner Sicht immer ein Psychogramm, bei Bruckner dieser kleinen, großen Person, eine naive, gleichzeitig unendlich geniale Erzählung vom kleinen, großen lieben Gott und einer bitteren Welt. Was man immer vergisst: Bruckner zum Beispiel hat unter dem Druck des Musikkritikers Eduard Hanslick wichtige Anmerkungen aus der Partitur wieder herausgestrichen, wie etwa im ersten Satz der Vierten den Balzschlag der Kohlmeise oder den Hornruf des Türmers. Und das nur, weil er vor Hanslick Angst hatte. Auch Mahler hat in seine Partituren geschrieben, was bestimmte Passagen meinen. Und auch hier war Hanslicks Einfluss so groß, dass Mahler diese Hinweise wieder entfernt hat. Das heißt aber doch, dass es nicht objektive Musik ist, sondern ein subjektives Zeugnis von der Sicht der Welt oder der philosophischen Sicht dieser großen Komponisten.

Inwieweit bringen Sie da noch Ihre Persönlichkeit als Dirigent, als Musiker mit ein?

Guttenberg: Wir Dirigenten – genauso Pianisten, Sänger usw. – wären ja nicht notwendig, wenn wir dem Publikum nicht unsere Sicht der Dinge darstellten. Das ist ja letztlich unsere Aufgabe. Sonst könnte man sagen, wir arbeiten mit dem Computer und erhalten damit eine objektive Darstellung. Aber so ist es ja eben nicht.

Sie kommen mit Ihrem Orchester der KlangVerwaltung nach Essen – im Grunde ein sehr technisch klingender Name für ein Instrumentalensemble. Was verbinden Sie mit dieser Bezeichnung?

Guttenberg: Das hat zwei Gründe. Der erste ist ganz profan: Der Name ist so hässlich, dass ihn sich jeder sofort merkt. (lacht) Wichtiger ist jedoch: Es steckt eine richtige Philosophie dahinter, die jedes Orchestermitglied mit trägt. In der Bibel gibt es dieses wunderbare Gleichnis von den Talenten, die der Gutsbesitzer seinen Knechten gibt. Für uns bedeutet das: Wir Interpreten bekommen etwas in die Hand, das wir zu verwalten haben – mit der nötigen Vorsicht und Hingabe.

Was ist das Besondere an diesem Klangkörper?

Guttenberg: Wir sprechen alle eine gemeinsame musikalische Sprache, die sich im Laufe der Jahre auch entwickelt hat. Wir versuchen mit einem Höchstmaß an Wissen zu arbeiten, was die historische Aufführungspraxis betrifft, die sich ja nicht allein auf die Barockzeit bezieht. Aber die historische Aufführungspraxis muss natürlich angereichert werden mit der Intellektualität, der Emotionalität und damit der Sicht des 21. Jahrhunderts, in dem das Werk aufgeführt wird.

 

Es gibt nicht nur den Musiker Enoch zu Guttenberg. Es gibt vor allem auch den Umweltschützer. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Guttenberg: Umweltschutz müsste man heute eigentlich Menschenschutz nennen. Was allein mit dem Klimawandel auf die Menschen zukommt, wird nach wie vor entweder heruntergeredet, verdrängt oder im besten Fall noch nicht gesehen. Ich glaube, wenn es uns nicht gelingt – und es schaut leider so aus, als wird es nicht gelingen –, den Klimawandel noch zu stoppen, wird der Planet unsere Art auf Dauer nicht mehr beherbergen können. Bis es aber so weit ist, wird es furchtbare Kriege um Ressourcen geben. Allein wenn die Polkappen abschmelzen, sind nur deswegen irgendwann bis zu einer Milliarde Menschen heimatlos. Ein Umweltschützer ist heute nicht mehr Lobbyist der Natur oder Lobbyist der Umwelt, sondern er ist Lobbyist seiner eigenen Kinder und Enkel. Doch das wird noch nicht verstanden.

Würden Sie zwischen Musik und Umweltschutz eine inhaltliche Verbindung sehen?

Guttenberg: Es ist ja so: Das Langzeitgedächtnis der Welt ist die Kunst. Das kann man am besten an der "Ilias" und an der "Odyssee" festmachen: Wer aus dem normalen Bildungsbürgertum würde heute noch etwas von Troja wissen, wenn es Homer nicht gegeben hätte? Und so ist es mit allen anderen Dingen auch. Die Kunst ist das beste Langzeitgedächtnis der Geschichte. Es gibt ein wunderbares Zitat von Arno Schmidt – er nennt es den verschränkten Enkel- und Ahnendienst: Aus der Vergangenheit lernen, um die Gegenwart zu begreifen und dadurch die Zukunft zu meistern. Das ist der Blickwinkel, aus dem ich versuche, mit der Kunst umzugehen. Das lässt sich auch auf den Umweltschutz münzen. Nehmen Sie die "Jahreszeiten" von Haydn: Darin ist der letzte Moment wiedergegeben – so kitschig die Texte auch sein mögen –, in dem der Mensch noch symbiotisch mit der Natur verbunden war. Und in einer Zeit, in der die Jahreszeiten durch den Klimawandel zerstört werden, hat dieses Werk ja fast einen Anklagewert. Auf Haydns "Schöpfung" trifft das natürlich auch zu. Insofern sind die Werke aus der Vergangenheit mittlerweile fast schon politische Manifeste.

Anlässlich Ihres 65. Geburtstages haben Sie ein Buch veröffentlicht. Hans-Klaus Jungheinrich schreibt darin: "Dieser Musiker altert kaum; er steht noch heute mit jünglingshafter Entflammtheit vor und inmitten der Musik." Ist Musik für Sie ein fester Anker in Zeiten schneller Veränderungen?

Guttenberg: Wissen Sie, mit der Musik haben wir ein gnadenvolles Geschenk. Das ist wie eine Zeitmaschine. Draußen kann eine Weltwirtschaftskrise ausbrechen oder eine Atomkatastrophe in Fukushima passieren, und wir sitzen in einer Probe, schlagen die Partitur auf und befinden uns erst einmal in einer völlig losgelösten Zeit. Dann kämpft man um kurze oder lange Noten, um Dynamik, um Balance und all die Dinge, die in einer Probe eine Rolle spielen. In solch einer Situation dürfen wir entrückt sein – das ist ja ein unglaubliches Geschenk. Durchaus auch negativ entrückt, zum Beispiel wenn man sich mit Schostakowitsch befasst. Man ist einfach in einer anderen Welt.

Interview: Christoph Dittmann

 
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