Die Kuhn-Orgel

Die Kuhn Orgel

Die große Kuhn-Orgel ist das Schmuckstück der Philharmonie. Eingeweiht wurde sie am 24. September 2004, wenige Monate nach Eröffnung des Hauses. Der Essener Orgel-Professor Roland Maria Stangier kümmert sich seitdem als Kustos um das vielseitige Instrument. Wer also könnte besser geeignet sein, das Kunstwerk mit seinen 4502 Pfeifen ein wenig zu erklären.

Eines der edelsten Instrumente

Herr Stangier, als Mitglied der Orgel-Kommission waren Sie mitverantwortlich für die Auswahl der Orgelbaufirma. Warum haben Sie sich damals für Kuhn aus der Schweiz entschieden?

Roland Maria Stangier: Was wir bisher von Kuhn kannten und mit unseren Vorstellungen auf diesem Niveau erwarten konnten, war für uns überzeugend. Und wir wollten einen Orgelbauer, der in einem Konzertsaal hier in dieser Gegend noch nicht gebaut hat. Entstanden ist ein Instrument mit einer singulären Klangqualität und Klangästhetik und einer überaus poetisch-sinfonischen Güte. Diese Orgel ist wirklich eines der edelsten und vorzüglichsten neuen Instrumente.

Sie haben das Instrument einmal als "ökonomische Universalorgel im positivsten Sinne" bezeichnet. Was meinen Sie damit?

Stangier: Das Instrument ist mit gut 60 Registern noch überschaubar. Aber Kuhn schafft mit diesem Fundus ein Maximum an Klangfarben, an Poesie, Dynamik, an Sensibilität und Power. Das reicht für all das, was dieser Saal braucht. Es gibt viele Säle, in denen die Orgeln wesentlich größer sind, aber keine hat mich und viele Gäste ansatzweise so überzeugt wie diese.

Musikalische Offenheit für fast alles – ist das ein Kriterium, das Konzertsaalorgeln erfüllen müssen?

Stangier: Sie haben viele Aufgaben und man weiß nicht, wie die Ansprüche wechseln. In einer Saison hat man zahlreiche Solokonzerte. In der nächsten Saison hat man einen Schwerpunkt Chor, hat aber nicht jedes Mal ein Orchester dabei. Und wieder ein Jahr später will man die Orgel vielleicht kammermusikalisch oder symphonisch erleben. So gesehen muss die Orgel sich gleichsam jeden Tag verwandeln und neue Kleider anziehen. Und die Kleider müssen immer passen.

Geschaffen für eine kleine Ewigkeit

Passen sie auch dauerhaft? Sagen wir, die nächsten vierzig Jahre?

Stangier: Da können Sie ruhig noch eine Null dranhängen. Natürlich gibt es immer wieder unterschiedliche Trends. Gerade deshalb muss die Orgel fast alles – quasi überzeitlich – überzeugend abdecken. Eine Orgel, die stilistisch einseitig wäre, wäre vielleicht ein ideales Instrument zum Beispiel für Max Reger. Aber wenn Sie alles andere nur mit Bauchgrummeln machen, nützt sie uns nichts. Dass die Orgel auch in der Disziplin der Improvisation bei unterschiedlichsten stilistischen Ansätzen ungemein inspiriert, ist ebenso nicht selbstverständlich.

Hat die Orgel trotzdem Register, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Stangier: Natürlich hat jeder seine Vorlieben. Der Streicherchor, der auf allen Manualen und dem Pedal der Orgel vertreten ist, klingt ganz wunderbar. Aber auch die Flöten und Zungen sind wirklich gelungen.

Tausende von Pfeifen

Die Orgel hat 4502 Pfeifen, und doch sieht man als Konzertbesucher nur einen Bruchteil. Was verbirgt sich hinter dem großen Prospekt?

Stangier: Das, was Sie als Prospekt sehen, ist manchmal das Werk der Architekten, des Orgelbauers oder von beiden gemeinsam. Übrigens sah der ursprüngliche Entwurf der Firma Kuhn ganz anders aus. Und hinter diesem Prospekt verbirgt sich eigentlich ein richtiges Haus mit verschiedenen Stockwerken und Zimmern. Das Instrument ist nach einem ganz klassischen und klug durchdachten Plan gebaut. Jeder Millimeter ist ausgenutzt, keiner zu viel – eine architektonisch-akustische Symbiose.

Raffinesse und besonderer Reiz

Sagen Sie bitte etwas zur architektonischen Einbettung in den Saal!

Stangier: Für mich ganz wichtig: Die Orgel muss so aussehen, dass sie schon klingt, bevor ein Ton ertönt. Und das tut sie hier. Ich kann mir diesen Raum nicht vorstellen ohne dieses Instrument. Man kommt hinein und hat das Gefühl, die Orgel krönt den Saal. Man hat den Wunsch, sie zu genießen, obwohl man sie bis dahin noch nicht gehört hat. Sie klingt und spricht sozusagen sogar, ohne dass man schon spielt.

Wie so viele Konzertsaalorgeln hat auch dieses Instrument zwei Spieltische. Können Sie kurz den Unterschied erklären?

Stangier: Der obere Spielschrank ist mechanisch, das heißt, ich bin mit meinem Instrument verbunden und bewege mit einer sensiblen Anschlagskultur direkt das, was zur Tonerzeugung notwendig ist. Dafür bin ich aber leider – wie auch in vielen Kirchen – weit oben etwas versteckt. Deshalb ist bei einer solchen Konzertsaalorgel ein mobiler Spieltisch notwendig – etwa wenn ich mit oder im Orchester spiele oder einen Chor begleite. Auch damit das Publikum den Interpreten sieht. Die Verbindung ist dann natürlich elektronisch, daran muss man sich ein wenig gewöhnen. Aber der sehr direkte Kontakt mit dem Publikum ist enorm wichtig.

Ganz allgemein gefragt: Was macht den Reiz des Instruments Orgel aus?

Stangier: Ich war schon als kleines Kind fasziniert von der Orgelmusik. Für mich ist kein anderes Instrument stilistisch und in der Literaturauswahl so vielfältig, von solch einem Klangfarbenspektrum und zu einer solchen Bandbreite vom intimsten Pianissimo bis zur Fortissimo-Explosion fähig. Und auch kein anderes Instrument hat über so viele Jahrhunderte solche Wandlungen durchgemacht und durchlitten – vom kleinen Positiv bis zur sechsmanualigen Orgel in einer Riesenkathedrale. Dabei haben wir heute weltweit ein so hohes Niveau beim Orgelbau, das ist schon faszinierend.

Roland Maria Stangier ist seit 1994 Professor für Orgel und Improvisation an der Folkwang Universität der Künste. Zuvor war er als Kantor, Organist und Lehrbeauftragter in Deutschland, Frankreich und der Schweiz tätig. Darüber hinaus war Stangier der Initiator des Internationalen Improvisationswettbewerbs "Maurice Duruflé" in Hamburg und tritt weltweit als Konzertorganist auf. Seit 2010 ist Stangier Titularorganist der Kreuzeskirche Essen.

Hörbeispiel

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Alexandre Guilmant – Symphonie Nr. 1 d-Moll op.42 für Orgel und Orchester, Finale
Christian Schmitt, Orgel
Nordwestdeutsche Philharmonie
Emmanuel Plasson, Dirigent
Mit freundlicher Genehmigung der Künstler und www.organpromotion.org

Weitere Dokumente zum Download:

Einführung von Dieter Rüfenacht, Firma Kuhn

Technische Daten zur Orgel

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